Tiergestützte Förderung

„Der Kontakt mit Tieren fördert auf mannigfaltige Weise den Menschen. Vor allem die freie Begegnung mit dem Tier kann sowohl die körperlichen, seelischen, mentalen und die sozialen Talente des Menschen stärken!“

(Olbrich/Otterstedt, 2007, S. 65)

Die Interaktion mit Tieren hat nachweislich positive Auswirkungen auf unseren Organismus. Auf körperlicher Ebene können sie u. a.

  • zur Mobilisierung beitragen
  • Grob- und Feinmotorik fördern
  • Koordination und Beweglichkeit trainieren
  • Sinnes- und Körperwahrnehmung stärken
  • das Immunsystem aktivieren
  • physiologische Stressreaktionen mildern: sie senken Blutdruck, Herzfrequenz und Stresshormone im Blut

Seelisch-geistige Effekte des Tierkontaktes bestehen u. a. darin, dass sie

  • stressmindernd und beruhigend wirken
  • Konzentration und Motivation fördern
  • Depressionen, Angst- und Schmerzempfinden mildern
  • Vertrauen und Bindung zum Gegenüber stärken
  • Gedächtnisleistung verbessern
  • Nähe, Zuneigung, Trost und Lebensfreude schenken
  • Selbstbild, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein fördern
  • Aggressionen abbauen und Empathiefähigkeit erhöhen
  • zur Auseinandersetzung mit eigenen Emotionen anregen

Auf die sozialen Kompetenzen des Menschen wirken Tiere u. a., indem sie

  • Gesprächsstoff liefern und die Kommunikation bereichern
  • den nonverbalen Austausch durch Blicke, Gesten etc. fördern
  • Verantwortungsbewusstsein, Impulskontrolle und Kooperationswillen stärken
  • soziale Isolation vermeiden helfen
  • Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe stärken
  • Kontakt erleichtern
  • Grenzen setzen

Diese vielfältigen Effekte der Mensch-Tier-Beziehung werden intensiv erforscht und auf Basis einiger Theorien und Modelle erklärt. Zentrale Erklärungsmodelle sind:

BIOPHILIE

Die Biophilie-Hypothese, welche 1984 von dem Biologen Edward O. Wilson und seinem Kollegen Kellert veröffentlicht wurde, postuliert, dass der Mensch, aufgrund der gemeinsam durchlebten Evolution, ein angeborenes Interesse bzw. eine grundlegende Verbundenheit zur Natur und allem Lebenden hat. Dieses beschriebene Bedürfnis mit der Natur Verbindungen einzugehen und die evolutionär bekannte Situation, welche durch Tiere geschaffen wird, scheint es erst möglich zu machen, dass der Mensch auf Signale des Tieres reagieren kann und dessen Ausdrucksverhalten richtig deutet. So werden beispielsweise ruhige oder ruhende Tiere (z.B. wiederkäuende Neuweltkameliden) als ein Anzeichen für eine sichere Umgebung interpretiert und können physiologische Entspannung und ein Sicherheitsgefühl beim Menschen auslösen (Olbrich, 2003, S. 68-76)

 

DU-EVIDENZ (Greiffenhagen. & Buck-Werner, 2009, S.22-25).

Wenn ein Mensch mit einem Tier in Interaktion geht, in dessen Lebens- und Gefühlsäußerungen er sich wieder zu erkennen glaubt, nimmt er sein Gegenüber als individuelles „Du“ wahr. Dies ist dadurch begründet, dass Menschen und höhere Tiere miteinander Verbindungen eingehen können, die den Beziehungen von Menschen bzw. Tieren untereinander gleichen. Diese können genauso gut funktionieren wie im zwischenmenschlichen Bereich und zeichnen sich durch gegenseitige Vertrautheit, Nähe und Zuneigung aus. Durch die Namensgebung, die der Mensch üblicherweise vornimmt, wird das Tier individualisiert und ragt aus der restlichen Masse der Artgenossen heraus. Die Du-Evidenz basiert also auf Erleben und Emotionen und ist die „unumgängliche Voraussetzung, dass Tiere therapeutisch und pädagogisch helfen können“ (vgl. Greiffenhagen. & Buck-Werner, 2009, S. 24). Den Tieren werden Bedürfnisse und Rechte zugesprochen, die ähnlich denen von menschlichen Interaktionspartnern sind. 

TIERE ALS SOZIALER KATALYSATOR         

„Tiere verhindern […] nicht nur Einsamkeit, sie fördern soziale Interaktionen auch in Umgebungen, in denen wir üblicherweise weniger soziale Kontakte erleben.“ (Prothmann, 2008, S. 31). Tiere bieten Impulse zum Dialogaufbau und ermöglichen Kontakt zum sozialen Umfeld (Otterstedt, 2017, S.29). Sie erleichtern und ermöglichen den sozialen Austausch mit anderen Menschen und scheinen Kontakt, Vertrauen und Gespräche zwischen sich fremden Personen zu ermöglichen, die ohne das anwesende Tier nicht in diesem Maß zustande gekommen wären. 

 

WIRKUNG VON OXYTOCIN    

Die Aktivierung des Oxytocin-Systems ist ein neurobiologischer Mechanismus, der einige Effekte der Mensch-Tier-Interaktion erklären kann (Beetz et al., 2012). Oxytocin, das auch als Bindungs- oder umgangssprachlich als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird, kommt bei allen Säugetieren vor. Die primäre Wirkung entfaltet es beim Geburtsprozess, bei dem es die Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur auslöst. Es beeinflusst Verhalten zwischen Eltern und Kind, zwischen Geschlechtspartnern und auch andere soziale Situationen.

Julius et al. (2014, Kapitel 4) beschreiben, „dass Oxytocin eine zentrale Rolle in der neurobiologischen Regulation spielt, die den Effekten von Mensch-Tier-Interaktionen zugrunde liegt.“ (vgl. S. 83). Neben dem Aufbau des Oxytocin-Systems, erklären sie anhand verschiedener Forschungsstudien (S.104-105) die Effekte der Gabe von Oxytocin bei Tieren und Menschen und kommen zu dem Schluss, dass die Wirkungen durch exogen verabreichtes Oxytocin denen des körpereigenen stark gleichen. Julius et al. nehmen an, „dass das Oxytocin-System auch die zentrale neurobiologische Struktur hinter den beziehungsfördernden und stress- und angstreduzierenden Effekten bildet, die mit Mensch-Tier-Interaktionen assoziiert sind.“ (vgl. 2014, S. 104). Mehrfach konnte inzwischen beschrieben werden, dass beim Streicheln eines Hundes sowohl beim Menschen als auch beim gestreichelten Hund Oxytocin ausgeschüttet wird. „Selbst landwirtschaftliche Nutztiere wie Alpakas scheinen von menschlichem Unterstützungsverhalten zu profitieren“ (Julius et al., 2014, S.176), da sich Stress durch die Anwesenheit eines vertrauten Menschen reduziert.

Da bekannte Wirkungen des Hormons die Verringerung des Blutdrucks und der Kortisolausschüttung, aber auch die Zunahme von sozialen Kompetenzen (S. 90) sind, scheint die Oxytocinausschüttung während einer Mensch-Tier-Interaktion eine entscheidende Erklärung für die Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Tier zu sein. Der Patient wird durch Ausschüttung von Oxytocin automatisch offener und dem Therapeuten gegenüber aufgeschlossener.

 

BINDUNG, FÜRSORGE UND STRESSREGULATION ÜBER SOZIALE UNTERSTÜTZUNG

Eminent psychologische Phänomene wie Bindung, Fürsorgeverhalten und Sozialverhalten sind evolutionär entstanden und biologisch grundgelegt, aber bleiben „dennoch flexibel, um sich an die jeweiligen konkreten Bedingungen anpassen zu können, unter denen Individuen aufwachsen und leben.“ (vgl. Julius et al., 2014, S. 20). Sie sind bei Menschen und Tieren identisch, weshalb „wahre“ Beziehungen zwischen Menschen und Tieren möglich“ sind (vgl. S. 104).

Der gesamte Prozess der Etablierung einer sicheren Bindung/Beziehung zum Therapeuten verkürzt sich mit Tier auf bis ein Viertel der Zeit. Sicher Gebundene können auch ohne die Hilfe von Tieren von Therapeuten profitieren, können aber dennoch durch die motivationale und kommunikationsfördernde Wirkung eines Therapietieres profitieren (Julius et al., 2014, S.185).

 

MOTIVATION (Wohlfarth, 2017, Skript)

Vor allem im Bereich der Psychotherapie mit Kindern, liegt die Motivation eher bei den Bezugspersonen oder die Patienten haben schon viele Misserfolge (z.B. in der Schule, in vergangenen Therapien, beim Aufbau von Freundschaften usw.) erlebt. Für den Therapieerfolg kann fehlende Motivation problematisch sein. In der TGI werden z.B. durch das Sehen des Tieres oder dessen Körpersprache implizite Motive und damit intrinsische Motivation aktiviert, wodurch die zielbezogene Anstrengungsbereitschaft beim Patienten erhöht werden kann. Tiere können also therapiemüde Patienten wieder motivieren, was sogar noch wahrscheinlicher bei dem Einsatz von etwas exotischeren Tieren wie Alpakas wird.

SCHAFFEN GÜNSTIGER LERNVORAUSSETZUNGEN

Wichtige Faktoren für erfolgreiches Lernen sind: förderliches Setting, gute Stimmung, Motivation, Konzentration, Aufmerksamkeit und das Fehlen von Angst oder Stress. Tiere können diese Faktoren nachweislich positiv beeinflussen und dadurch z.B. Impulskontrolle, Selbstreflexion und Arbeitsgedächtnis unterstützen (Beetz, 2013, Skript S. 15). Somit schaffen sie günstige Lernvoraussetzungen, die dazu beitragen können das in der Verhaltenstherapie erarbeitete Alternativverhalten eher zu verinnerlichen.

SPIEGELNEURONEN (Frick Tanner & Tanner-Frick, 2016, S. 32-33)

Bei dem Konzept der Spiegelneuronen wird vermutet, dass in der Mensch-Tier-Beziehung eine wechselseitige, unwillkürliche und unbewusste Spiegelung von Emotionen erfolgt, welche ohne eine intellektuelle Wertung stattfindet. Man spricht dabei von einem biologischen bzw. hirnphysiologischen und artübergreifenden (Julius et al., 2014, S. 37) Spiegelsystem, den Spiegelneuronen, die bereits beim Beobachten oder Simulieren eines Vorgangs das gleiche Potential auslösen als würde der Vorgang selbst aktiv gestaltet oder durchgeführt werden. Dadurch ist es möglich Körpergefühle, Empfindungen und Emotionen des Gegenübers wahrzunehmen und nachzuempfinden. Dieses Spiegelsystem gehört zur Grundausstattung eines jeden Menschen und könnte positive Effekte, wie die Beruhigung oder Verbesserung der Stimmung durch ein Tier, eventuell erklären. Tiere spiegeln auch das Verhalten des Menschen, was zu vielen Selbsterfahrungsmöglichkeiten und Wahrnehmungsschulungen genutzt werden kann.

MENSCH-TIER-KOMMUNIKATION

Da bei der nonverbalen Kommunikation kein Transformationsprozess stattfindet, spricht man auch von analoger Kommunikation. Im Gegensatz zu dem Menschen, der sowohl verbal als auch nonverbal kommuniziert, kommunizieren Tiere, auch Neuweltkameliden nur auf dem analogen Kanal. Dazu gehören „Blickkontakt, Gesichtsausdrücke (Mimik), Körperhaltung und Körperbewegung (Pantomimik), Berührung (Taktilität), räumliche Distanz zum Interaktionspartner (Regulierung des sozialen Raumes), vokale nonverbale Zeichen wie Stimmhöhe, Stimmführung, Lautstärke, Sprechtempo (Paralinguistik) und die Kommunikation über Äußeres wie Kleidung oder Statussymbole.“ (vgl. Prothmann zit. Frindte, 2008: 35). „Aus motorischen Abläufen, Mimik und Gestik schließen die Tiere auf Gefühlsstatus, Gesinnung und Verhaltensmuster des menschlichen Gegenübers.“ (Scholl et. al., 2017, S. 31). Bei der analogen Kommunikation entfallen in der Interaktion doppeldeutige oder ambivalente Botschaften. Bewusste Manipulationen finden nicht statt, denn Tiere sind nicht berechnend und reagieren stets unmittelbar und eindeutig, sodass sie damit ein kongruentes Verhalten und eine authentische Kommunikation zeigen. Dies ist vor allem durch Ehrlichkeit und Offenheit gekennzeichnet und kann nicht ohne weiteres simuliert werden. Kongruenz und Authentizität sind wiederum Voraussetzungen zum Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung. „Auch die kraftraubenden Anstrengungen der Selbstdarstellung und Selbstverbergung fallen bei der Interaktion mit Tieren weg.“ (Boyle, 2015, S. 15). Die Interaktion mit Tieren angeleitet durch eine Fachkraft für tiergestützte Intervention vereint digitale Kommunikation mit dem Therapeuten und analoge Kommunikation mit den Tieren. 

Weiterführende Literatur

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WILSON, E. O. (1993): Biophilia and the Conservation Ethic. In: S. R. Kellert & E. O. Wilson: The Biophilia Hypothesis. Island Press